Operation Overcast

Die Operation Overcast (engl. overcast = bedeckt, wolkenverhangen) war ein militärisches Geheimprojekt der USA, um nach der Niederlage Nazi-Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 deutsche Wissenschaftler und Techniker vor allem im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik zu rekrutieren und sich deren militärtechnisches Können und Wissen zu sichern. Ab März 1946 wurde stattdessen der Codename Operation Paperclip (engl. paperclip = Büroklammer) benutzt. Bis Mai 1948 brachten die USA im Rahmen der Operation Paperclip 1136 Personen (492 Wissenschaftler, 644 Angehörige) aus Deutschland und Österreich in den USA. Später wurde der Begriff Project Paperclip allgemeiner für die Einbürgerung der Wissenschaftler und die Fortsetzung der Operation Overcast verwendet, und auch heute werden die Begriffe oft fälschlich vertauscht. Die Zwangsenteignung deutscher Patente und Reparationsleistungen (u. a. Demontage von Produktionsmitteln) gehörten nicht zu den Operationen Overcast und Paperclip.

Die Operation Overcast (engl. overcast = bedeckt, wolkenverhangen) war ein militärisches Geheimprojekt der USA, um nach der Niederlage Nazi-Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 deutsche Wissenschaftler und Techniker vor allem im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik zu rekrutieren und sich deren militärtechnisches Können und Wissen zu sichern. Ab März 1946 wurde stattdessen der Codename Operation Paperclip (engl. paperclip = Büroklammer) benutzt.[1.1]
Bis Mai 1948 brachten die USA im Rahmen der Operation Paperclip 1136 Personen (492 Wissenschaftler, 644 Angehörige) aus Deutschland und Österreich in den USA.[1.1] Später wurde der Begriff Project Paperclip allgemeiner für die Einbürgerung der Wissenschaftler und die Fortsetzung der Operation Overcast verwendet, und auch heute werden die Begriffe oft fälschlich vertauscht.
Die Zwangsenteignung deutscher Patente und Reparationsleistungen (u. a. Demontage von Produktionsmitteln) gehörten nicht zu den Operationen Overcast und Paperclip.
Grundlage und Vorgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Grundlage der Operation Overcast war ein geheimes Dokument der Joint Chiefs of Staff, datiert vom 6. Juli 1945 – rund einen Monat nach dem Ende des Krieges in Europa und zwei Monate vor der Kapitulation Japans, in dem die Maßnahmen zur Festsetzung deutscher Wissenschaftler durch die US Army gebündelt wurden.[1.2] Sie sollte durch das Aneignen deutscher Militärtechnik eigene Entwicklungsarbeit verkürzen, eine Rüstungslücke vermeiden und deutsche Wissenschaftler und Techniker dem Zugriff der UdSSR und deren Rüstungsindustrie entziehen. Die deutsche Militärtechnik war den Alliierten in einigen Bereichen voraus, speziell bei Flügelpfeilung, Gleitbomben, Flugabwehrraketen und Raketen.
Der größte Internierungszugriff erfolgte Ende April auf eine aus Peenemünde und der Umgebung von Nordhausen in eine Oberammergauer Kaserne evakuierte Mannschaft von mehr als 450 Raketenspezialisten, die von der SS bewacht wurde.[1.3] Hinzu kam ein Team um Wernher von Braun, das sich Anfang Mai 1945 der US Army freiwillig in Reutte stellte.[1.4] In den folgenden Monaten kamen freiwillig überlaufende und verhaftete Spezialisten hinzu, die im Mittelwerk in der Umgebung von Bleicherode und Nordhausen zurückgeblieben waren und Aufgaben in der Fertigung der V1 und V2 hatten. Zu den Maßnahmen gehörte auch die Sicherstellung von Raketenkomponenten und Entwicklungsunterlagen rechtzeitig vor dem geplanten Einmarsch der sowjetischen Truppen in Thüringen.[1.5]
Auswahlkriterien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Wissenschaftler sollten zunächst für sechs Monate ohne Angehörige in die USA geholt werden und dort auf Heer, Luftwaffe und Marine verteilt werden. Im Kontingent sollten sich keine überführten Kriegsverbrecher befinden. Jeder, der als solcher erkannt würde, sollte nach Deutschland zurückgeschickt werden. Im Jahr 1946 wurde klar, dass die Forscher länger in den USA bleiben würden, sich teilweise dort niederlassen und ihre Ehefrauen und Familien nachziehen lassen würden. Es folgten sehr lockere Regelungen, unter anderem weil Wernher von Braun NSDAP- und SS-Mitglied gewesen war. Faktisch spielten NS-Belastungen bei der Auswahl keine Rolle; sorgfältig gesiebt wurde wegen des begrenzten Kontingents bezüglich der fachlichen Qualifikation. Dies erscheint bemerkenswert, weil gleichzeitig im Rahmen der Nürnberger Prozesse beispielsweise der zuständige Rüstungsminister Albert Speer zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde – nicht zuletzt wegen der im Rahmen der Rüstungsproduktion massenhaft eingesetzten Zwangsarbeiter. Auch die V2-Produktion in der Fertigungsanlage Dora-Mittelbau erfolgte unter unmenschlichen Bedingungen und Zwangsarbeit. Für die verantwortlichen Wissenschaftler und Techniker blieb das genauso ohne Konsequenzen wie die zivilen Opfer der V1- und V2-Angriffe beispielsweise auf London. Ganz offensichtlich überwog hier das militärtechnische Eigeninteresse der USA. In der US-amerikanischen Öffentlichkeit war die Immigration von Nazis zunächst umstritten.
Operation Paperclip
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Unter dem Decknamen Operation Overcast wurde noch im Sommer 1945 die erste Gruppe von Wissenschaftlern in die USA gebracht. Ursprünglich sollten 100 Raketenexperten aus Wernher von Brauns Gruppe der Heeresversuchsanstalt Peenemünde zur Entwicklung des Aggregat 4 (bzw. der V2) ausgewählt werden. Im August 1945 bot US-Oberst Holger Toftoy, Leiter der Raketenabteilung für Forschung und Entwicklung in der US-Armee, 127 Spezialisten Ein-Jahres-Verträge an und brachte sie vorübergehend in Bad Kissingen im Hotel „Wittelsbacher Hof“ unter.[2] Im September 1945 wurde eine erste Gruppe mit sieben Wissenschaftlern nach Long Island überführt, darunter Wernher von Braun. Ab Ende 1945 folgten weitere Gruppen nach Fort Bliss mit dem benachbarten Versuchsgelände White Sands.[3] Helmut Gröttrup, Spezialist für die Steuerung und Vertreter von Ernst Steinhoff in Peenemünde, lehnte den angebotenen Vertrag aus familiären Gründen ab.[1.6][4] Die Familienmitglieder der deutschen Wissenschaftler wurden als „V-2-people“ für mehrere Jahre unter Bewachung in der Landshuter Schoch-Kaserne an der Niedermayerstraße (ab 1943 durch die Wehrmacht belegt, nach Kriegsende als Pinder Kaserne von US Truppen benutzt und ab 1957 Standortkommandatur der Bundeswehr) untergebracht, dem sogenannten Camp Overcast.[5]
Im Mai 1946 wurde der Begriff Operation Overcast durch Operation Paperclip ersetzt, um Fehlzuordnungen mit dem Camp Overcast in Landshut zu vermeiden.[1.7][1.1] Der Name Paperclip (deutsch: ‚Büroklammer‘) leitete sich von den in den entsprechenden Akten eingesteckten Büroklammern ab, welche die Seiten mit relevanten Wissenschaftlern („Paperclip Boys“) kennzeichneten, die in die USA zu überführen waren.
Gleichfalls ließ die US-Regierung im Rahmen der Operation Paperclip deutsche Ingenieure und Chemiker, vor allem der Brabag, I.G. Farben und des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kohlenforschung, für das Synthetic Liquid Fuels Program überwiegend nach Louisiana (Missouri) verbringen, wo bis 1951 das United States Department of the Army für Forschungszwecke nach deutschem Vorbild ein Hydrierwerk zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe unterhielt.[6][7] So waren die deutschen Hydrierwerke, insbesondere in Pölitz, Blechhammer und Heydebreck, bis 1945 unter anderem die weltweit einzigen Hersteller von Wasserstoffperoxid im industriellen Maßstab, das deutsche Chemiker bereits zu dieser Zeit bei Raketen- und Torpedotriebwerken zum Einsatz gebracht hatten.[8][9][10]
Spätestens 1946 war klar, dass es nicht bei der ursprünglich geplanten Aufenthaltsdauer von sechs Monaten bleiben würde, auch die ursprüngliche Höchstzahl von 350 Personen galt als nicht mehr ausreichend.[1.1] Ein gemeinsames Komitee aus Heer, Marine und Außenministerium erarbeitete Grundsatzentwürfe, wie zusammen mit Großbritannien eine Ausweitung und Fortführung des Programms geregelt werden sollte. So wurde die Anzahl der Betroffenen auf insgesamt 1000 erhöht sowie der Nachzug der Familien bis hin zur späteren Einbürgerung geregelt. Diese Grundsätze wurden in einem geheimen Dokument mit dem Titel Einsatz der österreichischen und deutschen Wissenschaftler im Rahmen des Projekts Paperclip fixiert. Neben dem Begriff Operation Paperclip wird hier auch der Name Project Paperclip für dieses „Unterprojekt“ eingeführt und auch für die Operation Overcast allgemein verwendet, die damit nicht mehr klar zu trennen sind.[1.1] Am 13. September 1946 unterzeichnete US-Präsident Harry S. Truman das Dokument. Die „Grundsatzerklärung“ trat am 24. Oktober in Kraft.
Mit den Technikern wurde auch die komplette nach dem Krieg übriggebliebene Technik verschifft, sofern sie in die Hände der darauf angesetzten amerikanischen Einheiten gefallen war. Dies waren im Wesentlichen noch nicht gestartete V2-Raketen und teilweise fertiggestellte Raketenmotoren aus Peenemünde und aus der KZ-Fertigungsanlage Dora-Mittelbau, die sonst der UdSSR zugefallen wären.
In Fort Bliss (Texas) und White Sands (New Mexico) sollten die Ingenieure an der Weiterentwicklung der amerikanischen Raketentechnik forschen. Zwischen April 1946 und Oktober 1951 wurden 66 V2-Raketen in White Sands gestartet. Einige waren mit Pflanzen, manche sogar mit Versuchstieren bestückt, die alle bei den Landeaufschlägen getötet wurden. Ab Ende 1951 wurden die Starts nach Cape Canaveral (Florida) verlegt und ab 1958 mit dem Mercury-Programm die bemannte Raumfahrt der USA vorbereitet, die 1969 zur ersten Mondlandung führte.
Rekrutierte Wissenschaftler und Ingenieure
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Erfassung deutscher Wissenschaftler durch die USA basierte primär auf der sog. „Osenberg-Liste“ mit 15.000 Namen, die Werner Osenberg als Leiter des Planungsamts im Reichsforschungsrat gesammelt hatte und im März 1945 in Bonn durch die US Army vor der Vernichtung gerettet wurde.[1.8] Bis Mai 1948 brachten die USA im Rahmen der Operation Paperclip 1136 Personen (492 Wissenschaftler, 644 Angehörige) aus Deutschland und Österreich in den USA.[1.1] 77 Wissenschaftler wurden der US Army, 205 der US Air Force (davon 146 in Wright Field), 72 durch die US Navy und 38 dem US Department of Commerce zugeordnet.[1.1] Der „Harry Brunser Report“ aus dem US-Nationalarchiv enthält mehr als 500 Namen mit dem Vermerk „[PC]“, die auf eine Erfassung im Rahmen der Operation Paperclip hinweisen.[11] Diese Liste ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer Verpflichtung in die USA.
Raumfahrttechnik und Elektronik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Insgesamt nahmen 127 Wissenschaftler aus dem Bereich Raumfahrttechnik und Elektronik aus dem Stab von Wernher von Braun zwischen 1945 und 1947 zeitlich befristete Jobangebote der USA an, teils freiwillig oder unter Druck. Anfangs waren sie interniert und standen unter strikter Bewachung. Die Genehmigung zum Nachzug von Familienangehörigen erfolgte erst ab 1947 als Reaktion auf die Verschleppung von deutschen Spezialisten mit ihren Familien im Rahmen der Aktion Ossawakim in die Sowjetunion.[12] Die Einbürgerung in die USA im Rahmen des Project Paperclip verzögerte sich aufgrund innenpolitischer Schwierigkeiten um weitere Jahre.
Zu diesen 127 Wissenschaftlern in Fort Bliss gehörten:[13]
- Wilhelm Angele (1905–1996)
- Herbert Axster (1899–1991) (in den 1950ern nach Deutschland zurückgekehrt)
- Ernst Baars (1894–1969)
- Rudi Beichel (1913–1999)[14]
- Magnus von Braun (1919–2003)
- Wernher von Braun (1912–1977)
- Theodor Buchhold (1900–1984)
- Werner Dahm (1917–2008)
- Konrad Dannenberg (1912–2009)
- Kurt Debus (1908–1983)
- Friedrich Duerr (1909–2000)[15]
- Ernst Eckert (1904–2004)
- Krafft Arnold Ehricke (1917–1984)
- Willy A. Fiedler (1908–1998)
- Ernst Geissler (1915–1989)
- Dieter Grau (1913–2014)
- Fritz Haber (1912–1998)
- Heinz Haber (1913–1990) (1959 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Karl Heimburg (1910–1997)
- Rudolf Hermann (1904–1991)[16]
- Otto Hirschler (1913–2001)[17]
- Helmut Hölzer (1912–1996)
- Oscar Holderer (1919–2015)
- Hans Erich Hollmann (1899–1960)
- Hans Hüter (1906–1970)
- Dieter Huzel (1912–1994)
- Walter Jacobi (1918–2009)
- Wunibald Kamm (1953 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Heinz Hermann Koelle (1925–2011) (1965 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Hermann H. Kurzweg (1908–2000)[16][18]
- Alexander Lippisch (1894–1976)
- Hannes Lührsen (1907–1986) (Architekt, in den 1950ern nach Deutschland zurückgekehrt)
- Willy Merté (1889 – 1948)
- Hans Maus (1905–1999)[16][19]
- Hans Walter Milde (1909–1990)[20]
- Heinz Millinger (* 1920)[21]
- Joachim Muehlner (1913–2004)[22]
- Fritz Müller (1907–2001)
- Willy Mrazek (1911–1992)[23]
- Erich W. Neubert (1910–1990)[24]
- Hans Joachim Pabst von Ohain (1911–1998)
- Theodor A. Poppel (1918–1986)[25]
- Eberhard Rees (1908–1998)
- Gerhard Reisig (1910–2005)[26][27][28]
- Georg Rickhey (1898–1970) (1947 im Dachauer Dora-Prozess angeklagt und mangels Beweisen freigesprochen, danach in die USA zurückgekehrt)
- Walther Johannes Riedel („Riedel III“)[29] (1903–1974) (1953 vom CIA als Nazi verdächtigt und nach Deutschland zurückgekehrt)[30]
- Rudolf Schlidt (1914–2012)
- Klaus Scheufelen (1913–2008) (1950 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Ernst Steinhoff (1908–1987)
- Ernst Stuhlinger (1913–2008)
- Bernhard Tessmann (1912–1998)
- Georg von Tiesenhausen (1914–2018)
- Adolf Thiel (1915–2001)
- Woldemar Voigt (1907–1980)
- Carl Wagner (1901–1977) (1958 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Herbert Wagner (1900–1982) (1957 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Peter Wegener (1917–2008)
- Hans Ziegler (1911–1999)
Im Zeitraum von 1947 bis 1955 nahmen weitere deutsche Wissenschaftler aus der Luft- und Raumfahrttechnik Arbeitsangebote in den USA an, die ihnen im Rahmen des Project Paperclip die Einbürgerung in Aussicht stellten.
- Kurt Blome (1894–1969)
- Walter Dornberger (1895–1980)
- Anselm Franz (1900–1994)
- Walter Häussermann (1914–2010)
- Hermann Oberth (1894–1989) (1958 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Hans Quenzer (1909–1969)[31]
- Harry O. Ruppe (1929–2016) (1966 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Hubertus Strughold (1898–1986)
- Guenter Wendt (1923–2010)
Der überwiegende Teil der o. a. Wissenschaftler blieb in den USA. Einige wie Heinz Haber, Hermann Oberth, Harry O. Ruppe und Carl Wagner kehrten nach Deutschland zurück. Auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben kehrten einige Wissenschaftler wieder nach Deutschland zurück. In einzelnen Fällen, zum Beispiel bei Arthur Rudolph, gab es später Ermittlungen wegen der NS-Verbrechen, Ausweisungen und eine Aberkennung der US-Staatsbürgerschaft.
Andere Wissenschaftsbereiche
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weitere Wissenschaftler wurden für folgende Bereiche rekrutiert:[13]
- Luftfahrt, darunter: Konrad Büttner (1903–1970) als Meteorologe
- Medizin, darunter: Walter Paul Schreiber (1893–1970), Hubertus Strughold (1898–1986), Erich Traub (1906–1985) (vor 1955 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Physik, darunter: Willibald Jentschke (1911–2002) (1956 nach Deutschland zurückgekehrt)
- Chemie und Verfahrenstechnik, darunter: Rudolf Brill (1899–1989) (Ende der 1950er nach Deutschland zurückgekehrt), Fritz Laves (1906–1978) (1954 in die Schweiz), Helmut Pichler (1904–1974) (1956 nach Deutschland zurückgekehrt)
Widerstand und Kritik in den USA
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Erst am 3. Dezember 1946 wurde die Anwesenheit der deutschen Nazi-Wissenschaftler durch eine Pressemitteilung des Kriegsministeriums bekannt.[1.9] Die amerikanische Öffentlichkeit reagierte überwiegend mit Unverständnis und Ablehnung. Eine Gruppe um Albert Einstein und Norman Vincent Peale sandte am 3. Dezember 1946 ein Protestschreiben an Präsident Truman:
„We hold these individuals to be potentially dangerous carriers of racial and religious hatred. Their former eminence as Nazi party members and supporters raises the issue of their fitness to become American citizens and hold key positions in American industrial, scientific, and educational institutions. If it is deemed imperative to utilize these individuals in this country we earnestly petition you to make sure that they will not be granted permanent residence or citizenship in the United States with the opportunity which that could afford of inculcating those anti-democratic doctrines which seek to undermine and destroy our national unity.“
„Wir betrachten diese Personen als potenziell gefährliche Träger von rassistischem und religiösem Hass. Ihre frühere herausragende Stellung als Mitglieder und Anhänger der NSDAP wirft die Frage auf, ob sie geeignet sind, amerikanische Staatsbürger zu werden und Schlüsselpositionen in amerikanischen Industrie-, Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen zu bekleiden. Sollte es als unabdingbar erachtet werden, diese Personen in diesem Land einzusetzen, bitten wir Sie eindringlich, dafür zu sorgen, dass ihnen kein Daueraufenthaltsrecht oder die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten gewährt wird, da dies die Möglichkeit bieten würde, jene antidemokratischen Doktrinen zu verbreiten, die darauf abzielen, unsere nationale Einheit zu untergraben und zu zerstören.“
Vannevar Bush und weitere Forscher plädierten gegen eine Beschäftigung von Paperclip-Experten in Privatindustrie und Ausbildung und betrachteten ihren Einsatz als Affront gegen die Menschen, die gegen das Nazi-Regime gekämpft oder unter ihm gelitten hatten. Die Proteste wiesen u. a. darauf hin, dass sie sich „durch ihre Arbeit für das ‚Dritte Reich‘ moralisch und auf kriminelle Weise kompromittiert hätten“.[12.1]
Im Sommer 1947 wurde Georg Rickhey als ehemaliger Generaldirektor der Mittelwerk GmbH nach Deutschland zurückgeschickt und im Dachauer Dora-Prozess wegen der inhumanen Arbeitsbedingungen im KZ Mittelbau-Dora angeklagt. Rickhey beschuldigte den auf mysteriöse Weise gestorbenen Albin Sawatzki als eigentlichen Täter und wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.[12.2] Er kehrte danach in die USA zurück.
Die amerikanischen Behörden untersuchten intern Wernher von Brauns SS-Mitgliedschaft und verhörten ihn im Juli 1947. Er wurde zunächst als potenzielles Sicherheitsrisiko betrachtet, durfte aber schließlich als „Opportunist wie die Mehrheit der Parteigenossen“ und seiner Bedeutung als Wissensträger und Führungspersönlichkeit seine Arbeit für die US Army fortsetzen.[12.3] Mit der Verschärfung des Kalten Kriegs schwand der Widerstand gegen Paperclip-Spezialisten.[1.9] Im August 1949 wurde von Braun in Anerkennung seiner „Pionierleistungen im Bereich der Raketentechnik“ zum Ehrenmitglied der British Interplanetary Society ernannt.[33]
Konkurrenz zu anderen Staaten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Mit ihrem Programm zur Nutzbarmachung der „Gehirne“ standen die USA keineswegs allein. Alle Siegermächte hatten ähnliche Programme mit unterschiedlichen Schwerpunkten. So bemühte sich Großbritannien um deutsche Marineexperten, hatte aber – wie auch andere Siegermächte – damit Probleme, da ein Großteil der Bevölkerung aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage in Großbritannien gegen die Einwanderung deutscher Wissenschaftler war. Dennoch fanden über 200 deutsche Wissenschaftler mit ihren Familien beispielsweise in Australien im Rahmen der „Operation Matchbox“ eine neue Zwangsheimat. In erster Linie interessierten sich die Briten für die Möglichkeiten, die riesigen Braunkohlenfelder beispielsweise in der Umgebung von Melbourne für die Treibstoffproduktion zu nutzen. Deutsche Wissenschaftler hatten erfolgreich in den Buna-Werken ein entsprechendes Verfahren entwickelt.
Die Sowjetunion begann unmittelbar nach Kriegsende mit der Suche nach Spezialisten der deutschen Raketentechnik des Aggregat 4. Unter Leitung von General Lew Gaidukow bekam Boris Tschertok den Auftrag, Mitarbeiter Wernher von Brauns aus der Heeresversuchsanstalt Peenemünde und andere deutsche Wissenschaftler ausfindig zu machen, die noch nicht durch die westlichen Besatzungsmächte interniert oder vertraglich gebunden wurden. Unter Leitung von Helmut Gröttrup, dem Vertreter Ernst Steinhoffs, wurden in Bleicherode die Zentralwerke aufgebaut, um mit mehr als 5000 deutschen Mitarbeitern die deutsche Raketentechnik vollständig zu rekonstruieren. Unter anderen arbeiteten in dieser Zeit der Kreiselexperte Kurt Magnus und der Aerodynamiker Werner Albring unter der Leitung von Sergei Koroljow als Chefkonstrukteur. Etwa 160 deutsche Wissenschaftlern und ihre Familien wurden im Oktober 1946 im Rahmen der Aktion Ossawakim zwangsweise in die Sowjetunion verschleppt und auf der Insel Gorodomlja (heute Siedlung Solnetschny) im Seligersee, Gebiet Twer, im nordwestlichen Teil von Zentralrussland für weitere Entwicklungen festgehalten. Insgesamt verschleppte die Sowjetunion bei der Aktion Ossawakim fast 3000 deutsche Spezialisten für technische und wissenschaftliche Aufgaben in die Sowjetunion. Zwischen Juni 1951 und November 1953 konnten sie wieder in die damalige DDR zurückkehren. Ein Teil der Rückkehrer setzte sich in die Bundesrepublik Deutschland ab. Eine kleine Gruppe von Elektronik-Experten unterzeichnete Fünfjahresverträge und erlebte in Moskau den Start des russischen Weltraumprogramms mit dem Erstflug des Sputnik.
Bei Kriegsende fiel die Ju 287 V1 bei Junkers in Dessau in sowjetische Hände. Unter sowjetischer Aufsicht wurde sie fertiggestellt und im September Personal und Flugzeuge nach Podberesje bei Moskau verlegt. Die Entwicklung des Baumusters wurde unter der Leitung von Brunolf Baade fortgesetzt. Unter Baade wurde in der UdSSR auch der zweimotorige Bomber Modell 150 entwickelt.
Der große Einfluss deutscher Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker auf die Militärtechnik der beiden Supermächte dokumentiert sich vor allem in der Flugzeug- und Raketenproduktion im ersten Nachkriegsjahrzehnt. So standen sich zum Beispiel im Koreakrieg ab 1950 mit der amerikanischen F-86 Sabre und der sowjetischen MiG-15 zwei Maschinen gegenüber, die das Tragflächenprofil der Me 262 verwendeten.
Verhaftungen und Internierungen in Deutschland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Projekt Safehaven war ein US-amerikanisches Programm, um die deutsche Forschung zu stoppen und die deutschen Forscher von der Emigration in Länder wie Spanien oder Argentinien abzuhalten. Die US-Streitkräfte konzentrierten sich auf Sachsen und Thüringen, wohin viele deutsche Forschungseinrichtungen aus Berlin evakuiert worden waren. Bis 1947 wurden mit dieser Operation schätzungsweise 1800 Techniker und Wissenschaftler zusammen mit 3700 Familienmitgliedern interniert.[34]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Reparationen zum Thema Aneignung deutscher Patente
- Geschichte der Deutschen in den Vereinigten Staaten
- Menschenexperimente im Edgewood Arsenal
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Tom Bower: Verschwörung Paperclip. NS-Wissenschaftler im Dienst der Siegermächte. List, München 1988, ISBN 3-471-77164-6.
- Uwe Obier: Operation Paperclip. Der Katalog anlässlich der Ausstellung „Operation Paperclip“ in den Museen der Stadt Lüdenscheid vom 6. Januar – 22. Januar 1995. Stadt Lüdenscheid 1994, ISBN 3-929614-15-4.
- Uraufführung des Musicals „Mission Apollo-ein Menschheitstraum wird wahr“ am 26. Juni 2009 in Trossingen, basierend auf der Biografie von Eberhard Rees.
- Annie Jacobsen: Operation Paperclip, The Secret Intelligence Program that Brought Nazi Scientists to America. Little, Brown and Company, 2014, ISBN 978-0-316-27744-0.
- Franz Kurowski: Alliierte Jagd auf deutsche Wissenschaftler – Das Unternehmen Paperclip. Verlag Kristall bei Langen-Müller, München 1982, ISBN 3-607-00049-2.
- Volker Neipp: Mit Schrauben und Bolzen auf den Mond – Das unglaubliche Lebenswerk von Dr. Eberhard F.M. Rees. Mit bislang unveröffentlichten Dokumenten, unter anderem die privaten Briefe eines unbekannten Paperclippers aus den USA an die Familie in Deutschland, über 200 Fotos etc. – Von Peenemünde bis zur letzten Mondmission. Springerverlag, Trossingen 2008, ISBN 978-3-9802675-7-1.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- NASA-Seite über das Mercury-Projekt (siehe Kapitel 1)
- Kapitel aus dem Buch Power to Explore mit Ausführungen zum Projekt Paperclip (PDF, ca. 370 kB)
- Die Geschichte der deutschen Wissenschaftler auf Gorodomlya (englisch)
- Harry Brunser Report (englisch)
- Vor 20 Jahren: LSD-Experimente der US-Armee auf YouTube, vom 14. September 2014
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ James McGovern: Crossbow and Overcast. William Morrow, New York 1965 (englisch, 279 S., archive.org [PDF; abgerufen am 19. August 2021]).
- ↑ Franz Kurowski: Alliierte Jagd auf deutsche Wissenschaftler – Das Unternehmen Paperclip. Kristall bei Langen-Müller, München 1982, ISBN 3-607-00049-2, S. 115: „Schließlich wohnten im Wittelsbacher Hof in Bad Kissingen 120 deutsche Spezialisten, zum Teil mit ihren Familien. US-Posten bewachten das Hotel von allen Seiten. Dennoch gelang es zwei französischen Nachrichten-Offizieren, in den Wittelsbacher Hof einzudringen und, von Zimmer zu Zimmer gehend, mit den Forschern zu diskutieren. Sie versprachen ihnen goldene Berge, falls sie nach Frankreich kommen würden. Als die Amerikaner dagegen einschritten, war es bereits zu spät. Einige Wissenschaftler hatten sich überzeugen lassen und waren mit den Franzosen gegangen.“
- ↑ Jürgen Herda: Von Peenemünde nach Huntsville: Konrad Dannenberg entwickelte sechs Raketen-Aggregate Saturn-V gewinnt „Wettlauf zum Mond“. In: onetz.de. 18. Juli 2009, abgerufen am 18. Oktober 2019: „Die „V-2-people“, wie die Amerikaner sie nannten, lebten mehrere Jahre in Kasernen, mussten sich stets nach der Rückkehr „aus der Stadt“ bei einem militärischen Wachtposten ausweisen. Sie besaßen keine eigenen, gültigen Ausweispapiere mehr, waren faktisch staatenlos. Ihre Frauen und Kinder lebten in Landshut in einem bewachten Lager, durften erst in die USA nachreisen, nachdem sie eine Erklärung unterzeichnet hatten, die US-Staatsbürgerschaft anzunehmen.“
- ↑ Alfred Schmidt: Gröttrup und das Universum der erfinderischen Zwerge. München 2022, ISBN 978-3-948065-29-4, S. 99.
- ↑ Raketen über Neu-Mexiko. (PDF; 262 kB) In: Der Spiegel. 18. Januar 1947, abgerufen am 18. Oktober 2019: „Die Familien fast aller Wissenschaftler leben heute in Landshut und beziehen täglich Trennungsgelder von 2 bis 11 Dollar. Sie und auch die Männer hoffen auf ein baldiges Wiedersehen, aber natürlich drüben in den Staaten, deren Bürgerbrief sie auch zu erlangen hoffen.“
- ↑ Don Bongaards: A Sense of Urgency. Xlibris Corporation, 2009, S. 42.
- ↑ Anthony N. Stranges: The US Bureau of Mines's synthetic fuel programme, 1920–1950s: German connections and American advances. In: Annals of Science. 54, 2006, S. 29, doi:10.1080/00033799700200111.
- ↑ Paul Maddrell: Spying on Science. Western Intelligence in Divided Germany 1945–1961. Oxford University Press, 2006, S. 26.
- ↑ Botho Stüwe: Peenemünde West. Bechtermünz Verlag, 1998, S. 138–255.
- ↑ Armin Dadieu, Ralf Damm, Eckart W. Schmidt: Raketentreibstoffe. Springer Vienna, 2013, S. 386, 673.
- ↑ Harry Brunser Report
- ↑ Michael J. Neufeld: Wernher von Braun. Visionär des Weltraums, Ingenieur des Krieges. Aus dem Englischen von Ilse Strasmann. Siedler, München 2009, ISBN 978-3-88680-912-7.
- ↑ a b Eine umfangreiche (trotzdem unvollständige) Liste der rekrutierten Personen findet sich in der englischen Wikipedia. Der genannte Personenumfang geht über die eigentliche Rekrutierung im Rahmen Operation Paperclip hinaus und enthält auch Wissenschaftler, die aus anderen Gründen in den späten 1940ern die USA ausgewandert sind.
- ↑ Beichel, Rudi. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Duerr, Friedrich. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ a b c Forscher des Überschallwindkanals in Kochel am See
- ↑ Hirschler, Otto Heinrich. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Kurzweg, Hermann H. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Maus, Hans Hermann. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Milde, Hans Walter. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Millinger: Über Peenemünde ins All. Epub 2006 ( vom 28. Mai 2009 im Internet Archive)
- ↑ Muehlner, Joachim Wilhelm. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Mrazek, Willi. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Neubert, Erich Walter. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Poppel, Theodor Anton. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Gerhard Reisig: Raketenforschung in Deutschland: Wie die Menschen das All eroberten. Wissenschaft & Technik Verlag, 1999, ISBN 978-3-89685-506-0 (832 S.).
- ↑ David DeVorkin, Martin Collins, Gerhard Reisig: Interview. (PDF; 952 kB) In: National Air and Space Museum. 27. Juni 1985, abgerufen am 28. Oktober 2019 (englisch, über seine Arbeit in Peenemünde, zu Wernher von Braun, Helmut Gröttrup, Regener-Tonne, Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Herangehensweise bei Entwicklungen).
- ↑ Reisig, Gerhard Herbert Richard. In: astronautix.com. Abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ California Committee for Saucer Investigation (CSI). (PDF; 248 kB) In: Central Intelligence Agency. 9. Februar 1953, archiviert vom am 23. Oktober 2020; abgerufen am 10. Dezember 2019 (englisch).
- ↑ Riedel, Walther Johannes. astronautix.com, abgerufen am 25. März 2026.
- ↑ Foreign Scientist Case Files 1945-1958 (Entry A1-1B), s. Findbuch auf Archive.org
- ↑ Crossbow and Overcast, S. 247
- ↑ Wernher von Braun and the BIS by John Silvester. (PDF) British Interplanetary Society, März 2019, abgerufen am 27. März 2026 (englisch).
- ↑ John Gimbel: U.S. Policy and German Scientists. The Early Cold War. Political Science Quarterly, Vol. 101, No. 3, 1986, S. 433–451.