Donald Dutton
Donald G. Dutton (* 9. Oktober 1943 in Kanada) ist ein kanadischer Sozialpsychologe und emeritierter Professor an der University of British Columbia (UBC).
Donald G. Dutton (* 9. Oktober 1943 in Kanada) ist ein kanadischer Sozialpsychologe und emeritierter Professor an der University of British Columbia (UBC).[1][2]
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Er promovierte (Ph.D.) 1970 in Sozialpsychologie an der University of Toronto. Anschließend war er bis zu seiner Emeritierung 2016 als Professor an der University of British Columbia tätig.
Er war Leiter des Programms für gewalttätige Ehemänner in Vancouver. Von 1979 bis 1995 arbeitete er als Therapeut im „Assaultive Husbands Project“, einem gerichtlich angeordneten Behandlungsprogramm für Männer, die wegen häuslicher Gewalt verurteilt worden waren.[3] Von 1989 bis 1991 trat er als Psychologe in der Fernsehserie „Secret Lives“ (CTV) auf, in der Schauspieler Probleme in menschlichen Beziehungen nachstellten. Darüber hinaus war er als Sachverständiger in Strafprozessen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, unter anderem im Fall O. J. Simpson, für die Anklage tätig[4]; er trat auch als Experte in Fragen häuslicher Gewalt vor nationalen und internationalen Gremien auf, z. B. dem kanadischen Senat, der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds, der United States Army und dem US-Verteidigungsministerium, der British Forensic Psychology Association, dem California Judicial Institute, dem Family and Conciliation Court Services of California und der California Forensic Mental Health Association.
Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Psychologie der Gewalt in intimen Beziehungen, Kriminalpsychologie, Entwicklungspsychopathologie und Persönlichkeitspsychologie.
Sein frühes mit Arthur Aron durchgeführtes „Capilano-Hängebrückenexperiment“ gehört zu den klassischen Experimente in der Psychologie. Das Experiment wurde konzipiert, um die Zwei-Faktoren-Theorie der Emotionen von Stanley Schachter zu testen. Diese besagt, dass Emotionen das Ergebnis von zwei Faktoren sind: einer physiologischen Erregung und einer kognitiven Interpretation dieser Erregung. Im Kontext von Angst und Anziehung schlugen nun Dutton und Aron vor, dass Menschen ihre physiologische Erregung – in diesem Fall verursacht durch Angst auf einer hohen, schwankenden Brücke – fälschlicherweise als sexuelle Anziehung interpretieren könnten, wenn sie gleichzeitig einer attraktiven Person begegnen. Genau dieser Fehlattribution trat ein und dies deutet darauf hin, dass die beim Überqueren der Brücke empfundene Angst fälschlicherweise als sexuelle Anziehung interpretiert wurde.
Einer seiner grundlegenden Beiträge zur Forschung über Partnerschaftsgewalt ist seine Theorie zum Ursprung von Gewalt. Er argumentiert, dass Gewalt durch die Sozialkognitive Lerntheorie, also durch Beobachtungslernen wie beispielsweise durch das Miterleben häuslicher Gewalt in der Kindheit, erlernt wird. Diese Sichtweise erweiterte er, indem er betrachtete, wie Gewalt durch die Anwendung der drei Aspekte der Gewohnheitsbildung im sozialen Lernen erlernt wird: Ursprung, Auslöser und Regulator. Auslöser des Verhaltens ist ein Ereignis oder eine Erfahrung, wie Eifersucht oder Angst. Dieser Auslöser kann einen Zustand innerer Erregung und Unbehagen hervorrufen („aversive Erregung“). Der Täter versucht nun, diesen Zustand durch Vermeidung oder Wut zu lindern. Im Falle von Partnerschaftsgewalt äußern sich diese Wutgefühle in körperlicher Aggression und Übergriffen. Die letzten Faktoren, die sogenannten Regulatoren, sind die Bestrafungen und Belohnungen für die gewalttätigen Handlungen des Täters. Sein Verhalten wird verstärkt, wenn für das Verhalten eine Belohnung wahrgenommen wird, wie etwa ein Gefühl von Macht und Kontrolle oder der befreiende Ausdruck von Emotionen; externe Belohnungen müssen nicht vorhanden sein. Zudem ist ein komplexes Zusammenspiel mit verschiedenen Umweltfaktoren in Betracht zu ziehen, neben dem ontogenetischen System (individuelle Merkmale), sind das Makrosystem (kulturelle Überzeugungen und Werte), das Exosystem (soziale Institutionen, beruflicher Stress und soziale Unterstützung) und das Mikrosystem (Interaktionsmuster innerhalb familiärer Strukturen) einzubeziehen.
Im Zuge der von ihm fast zwei Jahrzehnte lang durchgeführten gerichtlich angeordneten Psychotherapien für gewalttätige Ehemänner bemerkte er den Trend, dass auch die Ehefrauen häufig gewalttätig waren. Diese Erkenntnis der wechselseitigen Gewalt zwischen Ehepartnern veränderte sein Verständnis des Geschlechterparadigmas in der häuslichen Gewalt grundlegend. Zu seinen Arbeiten, die die Häufigkeit wechselseitiger Gewalt belegen, gehört auch die Verbreitung häuslicher Gewalt in intimen Beziehungen bei homosexuellen Paaren. Partnerschaftsgewalt kommt demnach in allen Formen intimer Beziehungen vor, auch in lesbischen Paaren, was die Annahme stützt, dass Frauen ebenfalls zu Partnerschaftsgewalt fähig sind. Seine Forschung zu gegenseitiger häuslicher Gewalt hatte bedeutende Auswirkungen auf das Rechtssystem, insbesondere auf Sorgerechtsentscheidungen.
In seiner Studie über „Traumatische Bindung“ (engl. traumatic bonding) argumentiert er, dass die Entscheidung einer misshandelten Frau, in die gewalttätige Beziehung zurückzukehren, nicht als Indiz für Masochismus oder Persönlichkeitsdefekte des Opfers gewertet werden dürfen. Es wird vielmehr eine sozialpsychologische Erklärung vorgeschlagen, die auf der Annahme basiert, dass starke Verstärkungsmechanismen mit einer unausgewogenen Machtstruktur in der Beziehung interagieren und eine traumatisch geprägte Bindung zwischen Täter und Opfer erzeugen, die in mancher Hinsicht der Bindung zwischen Entführer und Geisel oder zwischen Sektenführer und Anhänger ähnelt. Zu einem ungleichen Machtverhältnis kommt es zu einem Wechsel zwischen missbräuchlichem und positiverem Sozialverhalten. Entwicklungserfahrungen in den Herkunftsfamilien der Betroffenen gelten als mitwirkende Faktoren für deren Eintritt in eine missbräuchliche Beziehung im Erwachsenenalter und ihre Unfähigkeit, sich daraus zu befreien.
In seinem späten Werk „Religion on Trial“ setzt er sich mit einer Weltuntergangssekte – eine religiöse Gruppe, die an das Ende der Welt glaubte – auseinander und untersuchte, wie deren Mitglieder an ihrem Glauben festhielten, nachdem sich die Prophezeiung nicht erfüllt hatte. Hierbei erforschte er die Ursprünge der Religionen, die Anfänge der wichtigsten „Wüstenreligionen“ und die Argumente von Andersdenkenden. Es ging auch der Frage nach, ob ein „Gotteskonzept“ angeboren sei und sich bereits bei Fünfjährigen unabhängig von den Überzeugungen ihrer Eltern zeigt. Aufgrund von neuropsychologischen Befunden zeigt er, dass Menschen dazu veranlagt sind, neue Überzeugungen nicht auf der Grundlage von Beweisen zu betrachten, sondern danach, wie diese Überzeugung mit ihren anderen Vorannahmen harmoniert.
Ehrungen/Positionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Mitglied des Redaktionsausschusses von sechs wissenschaftlichen Fachzeitschriften zum Thema häusliche Gewalt
- wissenschaftlicher Berater des National Legislative Resource Center (USA)
- Berater des Daphne Projects (Europa)
- Berater von World Alternatives to Violence (Großbritannien).
Publikationen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Monografien
- Religion on Trial. Escondido Press, Escondido 2019, ISBN 978-1-77374-049-2.
- Mit Daniel Jay Sonkin: Intimate Violence: Contemporary Treatment Innovations. Routledge, Abingdon 2013, ISBN 978-1-136-41015-4.
- The Psychology of Genocide, Massacres, and Extreme Violence: Why Normal People Come to Commit Atrocities (Praeger Security International). Praeger Publishers, Westport 2007, ISBN 978-0-275-99000-8.
- Rethinking Domestic Violence. University of British Columbia Press, Vancouver 2006, ISBN 978-0-7748-1015-9.
- The Abusive Personality: Violence and Control in Intimate Relationships. The Guilford Press, New York 2007, ISBN 978-1-59385-717-2.
- Mit Susan K. Golant: The Batterer: A Psychological Profile. Basic Books, New York City 1997, ISBN 978-0-465-03388-1.
- The Domestic Assault of Women: Psychological and Criminal Justice Perspectives. University of British Columbia Press, Vancouver 1995, ISBN 978-0-7748-0462-2.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Mit Christie Tetreault: Perceptions of Female Perpetrators of Interpersonal Partner Violence. In: Brenda Russel; Celia Torres (Hrsg.): Perceptions of Female Offenders, Vol. 1. How Stereotypes and Social Norms Affect Criminal Justice Responses. Springer Nature, New York 2023, ISBN 978-3-031-42006-1.
- Mit Alexandra Lysova; Eugene Emeka Dim: Prevalence and Consequences of Intimate Partner Violence in Canada as Measured by the National Victimization Survey. In: Partner Abuse, 2019, 10 (2), S. 199–221.
- Mit R. Koren Lane; K. Bartholomew: Secure base priming lowers experimentally produced anger. In: Public Library of Science One, 2016, 11 (9), eO162374.
- Mit N. Godbout; M. E. Daspe; Y. Lussier; Y. Sabourin; M. Hebert: Early exposure to violence, relationship violence, and relationship satisfaction in adolescents and emerging adults: the role of the romantic partner. In: Psychological trauma: Theory, research, practice and policy. 2017, 9 (2), S. 127–137.
- The gender paradigm and custody disputes. In: International Journal for Family Research and Policy, 2015, 1 (1), S. 8–30.
- Mit K. White: Attachment insecurity and intimate partner violence. In: Aggression and Violent Behavior: A Review Journal, 2012, 17, (5), S. 475–481.
- The case against the role of gender in intimate partner violence. In: Aggression and Violent Behavior: A Review Journal, 2012, 17 (1), 99-104.
- Transitional mechanisms culminating in extreme violence. In: J. Aggression, Conflict and Peace Studies, 2011, 4 (1), S. 45–54.
- Mit M. Denny-Keys; J. R. Sells: Parental personality disorder and its’ effects on children. In: J. Child Custody, 2011, 8 (4), S. 32–56.
- Mit R. J. W. Clift: The abusive personality in women in dating relationships. In: Partner Abuse, 2011, 2, (1), S. 166–189.
- Mit K. Corvo: Transforming a flawed policy: A call to revive psychology and science in domestic violence research and practice. In: Aggression and Violent Behavior, 2006, 11 (5), S. 457–483.
- Mit S. Turan: Psychic freezing to lethal malevolent authority. In: J. Aggression, Conflict and Peace Studies, 2010, 2 (3), S. 4–15.
- Mit J. Hamel; J. Aaronson: The Gender Paradigm in Family Court Processes: Re-balancing the Scales of Justice from Biased Social Science. In: Journal of Child Custody, 2010, 7, S, 1–31.
- The gender paradigm and the architecture of anti-science. In: Partner Abuse, 2010, 1 (1), S. 5–25.
- Blended behavioral therapy. In: A. Baldry (Hrsg.): Assessing risk of violence in intimate relationship. A cross-cultural perspective. Nova Press, New York 2006.
- Mit C. Tetreault: Who will act badly in toxic situations? In: The Journal of Aggression, Conflict and Peace Studies, 2009, 1 (1), S. 45–57.
- Mit K. N. Corvo; J. Hamel: The gender paradigm in domestic violence research and practice. Part 11: The information website of the American Bar Association. In: Aggression and Violent Behavior, 2009, 13, S. 159–177.
- My back pages: Reflections on thirty years of domestic violence research. In: Trauma, Violence and Abuse, 2008, 9 (3), S. 131–143.
- Mit Robert J. W. Clift; Lindsey A. Thomas: Two-Year Reliability of the Propensity for Abusiveness Scale. In: Journal of family violence, 2005, 20 (4), S. 231–234.
- Mit Jason Winters; Robert J. W. Clift: An Exploratory Study of Emotional Intelligence and Domestic Abuse. In: Journal of family violence, 2004, 19 (5), S, 255–267.
- Mit Monica A. Landolt; Andrew Starzomski; Mark Bodnarchuk: Validation of the Propensity for Abusiveness Scale in Diverse Male Populations . In: Journal of family violence, 2001, 16 (1), S. 59–73.
- Mit Michelle Haring: Perpetrator Personality Effects on Post-Separation Victim Reactions in Abusive Relationships. In: Journal of family violence, 1999, 14 (2), S. 193–204.
- Mit Monica A. Landolt: Power and Personality: An Analysis of Gay Male Intimate Abuse. In: Sex roles, 1997, 37 (5-6), S. 335–359.
- Mit Cynthia van Ginkel; Monica A. Landolt: Jealousy, intimate abusiveness, and intrusiveness. In: Journal of family violence, 1996, 11 (4), S. 411–423.
- A scale for measuring propensity for abusiveness. In: Journal of family violence, 1995, 10 (2), S. 203–221.
- Mit S. L. Painter: Patterns of emotional bonding in battered women: Traumatic bonding. In: International Journal of Women's Studies, 1985, 8 (4), S. 363–375.
- Mit A. P. Aron: Some evidence for heightened sexual attraction under conditions of high anxiety. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1974, 30 (4), S. 510–517.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Donald Dutton im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Donald G. Dutton. Ph.D. Professor Emeritus at University of British Columbia auf Research Gate, abgerufen am 26. März 2026.
- Donald Dutton auf Google Scholar, abgerufen am 26. März 2026.
- The Psychology Of Abusive Relationships w/ Dr. Don Dutton (#74) auf YouTube, abgerufen am 26. März 2026.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Don Dutton Professor Emeritus auf UBC, abgerufen am 26. März 2026.
- ↑ Don Dutton Biography auf Homepage Don Dutton, abgerufen am 26. März 2026.
- ↑ Douglas Todd: Don Dutton: Controversy ensues when science butts heads with liberal ideology auf vancouversun.com, abgerufen am 27. März 2026.
- ↑ Don Dutton Biography auf Homepage Don Dutton, abgerufen am 27. März 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Dutton, Donald |
| ALTERNATIVNAMEN | Dutton, Donald G. (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | kanadischer Sozial- und Persönlichkeitspsychologe und Professor |
| GEBURTSDATUM | 9. Oktober 1943 |
| GEBURTSORT | Kanada |