Alice Neumann
Alice Neumann (* 23. November 1901 in Berlin als Alice Edler; † 15. Juni 2008 in London) war eine deutsche Grafikerin, Modedesignerin und Modezeichnerin, die wegen der antisemitischen Verfolgung zur NS-Zeit ins Exil nach London ging.
Alice Neumann (* 23. November 1901 in Berlin als Alice Edler; † 15. Juni 2008 in London)[1] war eine deutsche Grafikerin, Modedesignerin und Modezeichnerin, die wegen der antisemitischen Verfolgung zur NS-Zeit ins Exil nach London ging.
Werdegang
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Alice „Lissy“ Edler wurde in Berlin geboren.[1] Schon in der Kindheit zeigte sich ihr künstlerisches Talent.[2] Sie besuchte die Kunstgewerbeschule in Berlin-Charlottenburg und setzte ihre Ausbildung an der Schule Reimann in Berlin fort.[3] „Sie war fasziniert von Malerei, Theater und Tanz – und von der neuen Mode, die mit dem Aufblühen der Stadt entstand“.[4]
Alice Neumann war verheiratet mit Franz Ludwig Neumann, einem ausgebildeten Arzt, der in der Privatbank seines Vaters arbeitete. Im Jahr 1927 wurde in Berlin ihr ältester Sohn Peter Herbert Heinz Neumann geboren, gefolgt von Sohn Klaus.[1][5] Die Familie war wohlhabend und lebte mit ihren Angestellten in einer geräumigen Wohnung in der Mommsenstraße in Charlottenburg. Das Paar machte mit den Kindern Ausflüge in den Zoo, zum Kuchenessen ins KaDeWe und unternahm Theaterbesuche mit ihnen.[5] Alice Neumann war erfolgreich als Modedesignerin und-zeichnerin tätig, auch wenn ihr Mann ihre Arbeit nicht guthieß.[6]
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde ihr Mann 1935 von der Gestapo verhaftet, kam jedoch auf Grund persönlicher Kontakte wieder frei und floh nach London.[5] Er durfte dort nicht als Arzt arbeiten, da die britischen Behörden seine medizinische Qualifikationen nicht anerkannten. Als der Antisemitismus an der Berliner Paul-Lehmann-Schule, die Sohn Peter besuchte, zunahm, schickte Alice Neumann ihn zur Joseph-Lehmann-Schule für jüdische Kinder. Ihr wurde geraten, über die Tschechoslowakei nach London zu fliehen.[3] Nachdem Alice Neumann ihren Mann bei einem Besuch in London 1936 „arbeitslos und emotional völlig aufgelöst“ erlebte, und unter dem Druck der Nationalsozialisten, emigrierte sie 1936/1937 ebenfalls in das Vereinigte Königreich[4][6] und holte die Kinder nach, die in der Zwischenzeit von den beiden Großmüttern betreut worden waren.[3][6]
Im Exil sicherte Alice Neumann den Lebensunterhalt ihrer Familie durch das Anfertigen von Modezeichnungen.[3] Sohn Peter besuchte die Hampstead Garden Suburb Primary School im Londoner Stadtbezirk London Borough of Barnet, wo er schnell Englisch lernte und danach die Highgate School, die damals nur 10 Prozent jüdische Kinder aufnahm. Auch dort gab es antideutsche und antisemitische Anfeindungen von Lehrern.[5] Alice Neumann arbeitete bis Anfang der 1940er Jahre in der britischen Modewelt. Nach den ersten Bombenangriffen auf London hörte sie auf, künstlerisch zu arbeiten, und unterstützt ihren Mann beim Aufbau seiner Arztpraxis.[2][3][6]
Alice Neumann war ab 1983 verwitwet. Sie lebte unter dem Namen „Alice Newman“ bis zu ihrem Tod im Jahr 2008 in London.
Künstlerische Arbeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als junge Frau begann Alice Neumann frei für verschiedene Berliner Salons zu arbeiten, und viele der beliebten Modezeichnungen und Schnittmuster für den Ullstein Verlag stammten aus ihrer Feder.[2][3] Sie fertigte auch Mode-Illustrationen für Zeitschriften[7] und war bei der Tageszeitung B.Z. am Mittag als Zeichnerin für die täglichen Modeseiten eingestellt.[4] „Ihre wunderschönen Entwürfe für Kleider und Schuhe wurden vielfach veröffentlicht“[8] und „ihre gezeichneten »Frauen in Sportkleidung« beweisen eine zeitlose Eleganz“.[2]
Alice Neumann arbeitete für das Modehaus Günther und wurde von dem Unternehmen nach Paris und Wien geschickt. In Paris besuchte sie die Modenschauen, machte Skizzen von den Laufsteg-Präsentationen und besuchte abends mit anderen Personen aus der Modebranche das Moulin Rouge, wo sie Auftritte von Josephine Baker und Maurice Chevalier sah. Zurück in Berlin dienten ihre Zeichnungen als Vorlagen für „Berlin-Mode“.[7]
Nach der Machtergreifung machte sich der Einfluss der Nationalsozialisten auch in der Modewelt bemerkbar. Das Modeunternehmen Scherl etwa forderte von Alice Neumann, ihre Illustrationen nicht mehr mit ihrem Namen zu signieren.[6] Stattdessen wechselte sie zu „Hermann Löb & Levy“, einem renommierten Modeunternehmen mit Hauptsitz in der Krausenstraße 38/39[4][8] und entwarf ganze Kollektionen, von Kleidung bis zu Schuhen.[6][9]
Würdigung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Uwe Westphal interviewte Alice Newman für sein 2019 im Henschel-Verlag erschienenes Buch Modemetropole Berlin 1836 – 1939. Entstehung und Zerstörung der jüdischen Konfektionshäuser.[6][10]
Im Jahr 2025 zeigte das Jüdische Museum Berlin die Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne, in der auch Alice Neumann vertreten war.[11] Mehrere Modezeichnungen von Alice Neumann aus der Zeit von 1914 bis 1937 befinden sich in der Sammlung des Museums.[12]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ a b c Alice Edler-Neumann. Alice Newman. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 27. März 2026
- ↑ a b c d Pionierinnen des guten Geschmacks. In: Jüdische Allgemeine. Abgerufen am 27. März 2026
- ↑ a b c d e f Neumann, Alice. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 27. März 2026
- ↑ a b c d Uwe Westphal: Schick und Schande: Warum Berlin keine Modemetropole ist. In: Berliner Zeitung vom 26. November 2020. Abgerufen am 27. März 2026
- ↑ a b c d Peter Newman. In: „Refugee Voices“ der Association of Jewish Refugees in Great Britain. Abgerufen am 27. März 2026
- ↑ a b c d e f g Jenni Frazer: The lost world of Berlin fashion. In: The Jewish Chronicle vom 6. Juni 2019. Abgerufen am 27. März 2026
- ↑ a b Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 114–115, 119
- ↑ a b Dina Gold: Jewish German Fashion Industry Flourished, Then Perished Under Nazi Rule. In: B’nai B’rith Magazine, Winter 2019. Abgerufen am 27. März 2026
- ↑ Uwe Westphal: Jüdische Berliner Modegeschichte - und was blieb. In: berlin.de. Abgerufen am 27. März 2026
- ↑ Uwe Westphal: Modemetropole Berlin 1836-1939 – Entstehung und Zerstörung der jüdischen Konfektionshäuser. Henschel & Seemann, Leipzig 2019, ISBN 978-3-8948-7805-4
- ↑ Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 27. März 2026
- ↑ Modezeichnungen von Alice Edler. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 27. März 2026
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Neumann, Alice |
| ALTERNATIVNAMEN | Edler, Alice Irmgard (Geburtsname); Edler, Lissy; Edler, Lissi; Neumann-Edler, Alice; Newman, Alice; Newman-Edler, Alice |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-britische Grafikerin, Modedesignerin und Modezeichnerin |
| GEBURTSDATUM | 23. November 1901 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 15. Juni 2008 |
| STERBEORT | London |