-bar
-bar ist ein häufiges Suffix in der deutschen Wortbildung. Seine typischste Verwendung besteht darin, transitive Verben zu Adjektiven abzuleiten, zum Beispiel: „heilen“ → „heilbar“. Die Bedeutung von -bar ist meistens, dass das vom verbalen Wortstamm bezeichnete Ereignis möglich ist (also eine modale Bedeutung). Zum Beispiel ist eine „heilbare Krankheit“ eine Krankheit von einer Art, so dass man sie heilen kann.
-bar ist ein häufiges Suffix in der deutschen Wortbildung. Seine typischste Verwendung besteht darin, transitive Verben zu Adjektiven abzuleiten, zum Beispiel: „heilen“ → „heilbar“. Die Bedeutung von -bar ist meistens, dass das vom verbalen Wortstamm bezeichnete Ereignis möglich ist (also eine modale Bedeutung). Zum Beispiel ist eine „heilbare Krankheit“ eine Krankheit von einer Art, so dass man sie heilen kann.
Herkunft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Suffix -bar geht zurück auf ein althochdeutsches Verbaladjektiv bāri, abgeleitet von dem Verb beran „tragen“. Bereits im Althochdeutschen ist eine wortbildende Funktion zu sehen, allerdings zunächst in der Art eines Kompositums mit einem Substantiv, zum Beispiel thancbari dank-bar, wörtlich: „Dank tragend“. Die Verwendung als Ableitung von Verb zu Adjektiv existiert seit dem Spät-Mittelhochdeutschen.[1]
Produktivität und Ausbreitung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Unter den Wortbildungssuffixen im heutigen Deutsch ist -bar ein besonders produktives Element,[2] d. h. es kann auf praktisch alle (sogar auch neu in die Sprache gekommene) Wortstämme angewendet werden, die die formalen Voraussetzungen für die Wortbildungsregel erfüllen (siehe nächster Abschnitt); es gibt also keine abgeschlossene Liste von Wörtern, die -bar enthalten. Produktiv ist allerdings nur die Ableitung von einem Verb (mit Objekt) zu einem Adjektiv; eine abgeschlossene Liste von erstarrten Fällen mit anderen Zerlegungen kommt hinzu (z. B. „dienstbar, jagdbar“ mit substantivischem Stamm).
In der Verwendung von -bar wird ein starker Anstieg seit dem 19. Jahrhundert gefunden.[3]
Wortbildungsmuster mit -bar
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Regelmäßige Bildungsweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In seiner regulären, produktiven Verwendung verbindet sich -bar mit dem Stamm eines transitiven Verbs und erzeugt daraus ein Adjektiv. Dieses Adjektiv (A) bezeichnet dann eine Eigenschaft, deren Träger dem zweiten Argument des Verbs (V) entspricht (unten als Variable y notiert). Daher kann die Bildung mit einer Passivkonstruktion umschrieben werden, und das gesamte Verfahren wird oft als „passivähnlich“ bezeichnet (anders als bei der Passivierung sind aber V und A zwei verschiedene Wörter).
| V (verbaler Stamm) |
A (abgeleitetes Adjektiv) |
Umschreibung | |
|---|---|---|---|
| x heilt y | → | y [ist] heilbar | „y kann geheilt werden“ |
| x überträgt y | → | y [ist] übertragbar | „y kann übertragen werden“ |
| x grenzt y (von z) ab | → | y [ist] (von z) abgrenzbar | „y kann von z abgegrenzt werden“ |
Wie das letzte Beispiel oben zeigt, können zusätzliche Ergänzungen eines Verbs für das abgeleitete Adjektiv übernommen werden („Argumentvererbung“, in diesem Fall für das Argument z).[4]
Es können auch manche Ergänzungen eines Verbs zum Argument des Adjektivs werden, die keine direkten Objekte sind (anders als bei der Passivierung):[5]
- „x verfügt über y“ → „y ist verfügbar“
- „x verzichtet auf y“ → „y ist verzichtbar“
Unregelmäßigkeiten in der Form zeigen sich bei:[6]
- sehen → sichtbar (aber regulär: voraussehen → voraussehbar)
- gehen → gangbar (aber: begehen → begehbar)
Weitere Verben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Intransitive (d. h. einstellige) Verben kommen nur in begrenztem Maß vor, häufig auch nur zusammen mit dem Verneinungspräfix un-:[7]
- „y brennt“ → „y ist brennbar“
- „y sinkt nicht“ → „y ist unsinkbar“
- „y versiegt nicht“ → „y ist unversiegbar“
Teilweise liegen hier unakkusativische Verben vor, also intransitive Verben, deren einziges Argument Eigenschaften wie sonst ein grammatisches Objekt aufweist. Viele Bildungen mit solchen Verben sind aber blockiert. Dann wiederum gibt es aber Fälle, die als Sprachspiel und scherzhafte Bildungen Verbreitung erlangt haben, etwa: „unabsteigbar“ („kann nicht absteigen“, von einem Fußballverein gesagt).[8]
Eindeutig außerhalb des produktiven Musters stehen Bildungen wie „haftbar“ = „x muss (für etwas) haften“.
Irreguläre Erweiterungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die hohe Produktivität der Bildungen auf -bar schlägt sich in einigen spielerischen Erweiterungen der Bildungsmuster nieder: In der Werbesprache wurden vereinzelt irreguläre Ableitungen aus Adjektiven propagiert. Recht bekannt wurde das Beispiel „unkaputtbar“ für eine neu entwickelte Getränkeflasche aus Kunststoff.[9] Nach dem gleichen Muster wurde für Fahrradreifen, die mit einer Spezialkautschukschicht unter der Lauffläche gegen Splitter geschützt sind, der Ausdruck „unplattbar“ gebildet.[10] Die irreguläre Bildungsweise weckt die Aufmerksamkeit der Leser und erreicht somit einen für die Werbung erwünschten Effekt.
Lautliche Besonderheiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Verbstamm, den man durch Abtrennen der Infinitivendung -en erhalten kann, ergibt manchmal zusammen mit dem Suffix -bar eine nicht verarbeitbare Kombination:
- „ordnen“, Stamm: ordn-
- „rechnen“, Stamm: rechn-
- „atmen“, Stamm: atm-
In Verbindung mit -bar erzwingt die Grammatik des Deutschen dann eine Einsetzung (Epenthese) eines zusätzlichen unbetonten Vokals (des Murmelvokals Schwa);[11] hierdurch entstehen Formen, die manchmal als überraschend empfunden werden:
- ordn- → ordenbar
- berechn- → berechenbar
- atm- → atembar (die Ableitung erfolgt hier also nicht vom Substantiv „Atem“)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Wolfgang Fleischer, Irmhild Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 4. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-025663-5.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ dwds.de: Lemma -bar, Abschnitt „Etymologie“.
- ↑ Fleischer & Barz (2012), S. 75.
- ↑ Karl-Heinz Best: Spracherwerb, Sprachwandel und Wortschatzwachstum in Texten. Zur Reichweite des Piotrowski-Gesetzes. In: Glottometrics 6, 2003, 9–34 (PDF Volltext online). Siehe S. 17, dort unter Rückgriff auf eine Arbeit von Flury (1964).
- ↑ Für die Darstellung dieses Mechanismus insgesamt vgl. Susan Olsen: Wortbildung im Deutschen. Eine Einführung in die Theorie der Wortstruktur. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-520-66001-6. Siehe S. 88 f. Direkt von dort das letzte Beispiel zur Übernahme obliquer Ergänzungen.
- ↑ Fleischer & Barz (2012), S. 334.
- ↑ Fleischer & Barz (2012), S. 333, Abschnitt 1.1.
- ↑ Fleischer & Barz (2012), S. 333.
- ↑ dwds.de Lemma „unabsteigbar“ (dort als scherzhafte Bildung eingeordnet).
- ↑ Nina Janich: Werbesprache. Ein Arbeitsbuch. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Narr, Tübingen 2001, ISBN 3-8233-4974-0, S. 106.
- ↑ Werbeslogan für den Marathon Plus Reifen, vgl. Archivierte Kopie ( vom 19. Juni 2014 im Internet Archive), abgerufen am 17. Juni 2014.
- ↑ Fleischer & Barz (2012), S. 16, unter Rückgriff auf eine Arbeit von Plank (1981).